Die Langzeitbelichtung zählt für mich zu den faszinierendsten Techniken in der Fotografie. Warum? Weil sie Bilder entstehen lässt, die das menschliche Auge so nie wahrnehmen würde. Plötzlich werden Bewegungen sichtbar – Wasser verwandelt sich in weiche Schleier, Wolken ziehen als sanfte Linien über den Himmel, und Lichtspuren von Autos verleihen der Szene eine besondere Dynamik.
Wenn du dich also schon immer gefragt hast, wie solche Fotos entstehen und was du dafür brauchst, dann bist du hier genau richtig. In diesem Artikel erkläre ich dir Schritt für Schritt, was Langzeitbelichtung überhaupt ist, welche Kameraeinstellungen du nutzen solltest und welches Zubehör dir hilft.
Und keine Sorge – du brauchst keine teure Profi-Ausrüstung. Mit ein bisschen Know-how und Übung gelingen dir bald eigene, eindrucksvolle Aufnahmen mit langen Belichtungszeiten.
Was ist Langzeitbelichtung? – Die Grundlagen

Bei der Langzeitbelichtung wird ein Foto mit einer ungewöhnlich langen Belichtungszeit aufgenommen. Normalerweise beträgt die Belichtungszeit bei einem „normalen“ Foto nur wenige Hundertstel bis Tausendstel Sekunden – bei der Langzeitbelichtung hingegen sprechen wir von Sekunden bis hin zu Minuten oder sogar Stunden. Doch warum macht man das?
Der große Vorteil liegt darin, dass sich Bewegung im Bild sichtbar machen lässt. Alles, was sich während der Belichtung bewegt, wird entweder verwischt oder verschwindet sogar vollständig. Gleichzeitig bleiben alle unbewegten Elemente gestochen scharf – dieser Kontrast sorgt für den besonderen Reiz.
Typische Motive für Langzeitbelichtungen sind:
- Fließendes Wasser: Bäche, Wasserfälle oder das Meer wirken weich und fast schon mystisch.
- Lichtspuren: Autoscheinwerfer hinterlassen leuchtende Linien in der Nacht.
- Wolken: Bei langen Belichtungen ziehen sie sanft über den Himmel und sorgen für Dramatik.
- Sternenhimmel: Sterne verwandeln sich in lange Bahnen – sogenannte Startrails.
Langzeitbelichtung ist also nicht nur eine Technik, sondern auch ein kreatives Werkzeug, mit dem du ungewöhnliche und beeindruckende Bilder gestalten kannst.
Die richtigen Kameraeinstellungen – So geht’s
Damit dir beeindruckende Langzeitbelichtungen gelingen, brauchst du keine teure Profi-Ausrüstung, aber die richtigen Kameraeinstellungen sind entscheidend. Ich zeige dir hier, worauf es ankommt – ganz einfach erklärt:
1. ISO-Wert – So niedrig wie möglich
Stelle deine Kamera auf ISO 100 oder 200. Ein niedriger ISO-Wert sorgt für beste Bildqualität mit minimalem Rauschen – und verlängert automatisch die Belichtungszeit.
2. Blende – Kleine Öffnung für mehr Schärfe
Wähle eine kleine Blendenöffnung, z. B. f/8 bis f/16. So erreichst du mehr Schärfentiefe und kannst gleichzeitig die Belichtungszeit weiter erhöhen.
3. Belichtungszeit – Je nach Motiv variieren
Die Belichtungszeit hängt vom gewünschten Effekt ab. Hier ein paar Beispiele zur Orientierung:
Motiv | Belichtungszeit | Effekt |
---|---|---|
Fließendes Wasser | 1–10 Sekunden | Weichzeichner-Effekt, samtiges Wasser |
Lichtspuren von Autos | 10–30 Sekunden | Leuchtende Linien durch Scheinwerfer |
Wolkenbewegung | 30 Sekunden – mehrere Minuten | Sanfte, streifige Himmelsstruktur |
Sterne (Startrails) | Mehrere Minuten – Stunden | Lange Lichtbahnen am Nachthimmel |
4. Fokus – Manuell statt automatisch
Gerade bei Langzeitbelichtungen kann der Autofokus Probleme machen, besonders bei Dunkelheit. Mein Tipp: Fokussiere manuell auf dein Motiv – bei Nacht am besten vorab mit Taschenlampe helfen oder auf unendlich fokussieren.
Mit diesen Einstellungen hast du das Fundament für starke Langzeitbelichtungen gelegt. Jetzt fehlt nur noch das passende Zubehör – und das schauen wir uns im nächsten Schritt an.
Hilfreiche Ausrüstung für Langzeitbelichtungen

Die richtigen Einstellungen sind wichtig – aber ohne das passende Zubehör wird es schwer, verwacklungsfreie Langzeitbelichtungen zu machen. Keine Sorge, du brauchst nicht viel. Mit ein paar einfachen Hilfsmitteln bist du bestens gerüstet:
1. Stativ – Die stabile Basis
Ein stabiles Stativ ist Pflicht. Schon kleine Erschütterungen machen dein Foto unbrauchbar, wenn die Belichtungszeit mehrere Sekunden beträgt. Achte auf einen sicheren Stand – auch bei Wind.
2. Fernauslöser oder Selbstauslöser
Auch beim Auslösen kann es zu Verwacklungen kommen. Ein Fernauslöser (kabelgebunden oder per Funk) verhindert das. Alternativ: Nutze den Selbstauslöser deiner Kamera (z. B. 2 Sekunden Verzögerung).
3. ND-Filter – Unverzichtbar bei Tageslicht
Bei Tageslicht reicht selbst die kleinste Blende nicht aus, um eine lange Belichtungszeit zu erreichen. Ein Neutraldichtefilter (ND-Filter) hilft hier weiter, indem er Licht „schluckt“. Es gibt verschiedene Stärken, die je nach Motiv und Lichtverhältnissen eingesetzt werden.
Filterstärke | Lichtreduktion | Beispielanwendung |
---|---|---|
ND8 | 3 Blendenstufen | Leichtes Verwischen von Wasser |
ND64 | 6 Blendenstufen | Starke Lichtreduktion, auch bei Sonne |
ND1000 | 10 Blendenstufen | Extrem lange Belichtungen am Tag |
4. Weitere Tipps zur Ausrüstung
- Bei DSLRs: Spiegelvorauslösung oder Live-View nutzen, um Erschütterungen zu vermeiden
- Objektivdeckel erst kurz vor dem Fotografieren abnehmen (bei langer Belichtung wichtig für saubere Linse)
- Akku voll aufladen – lange Belichtungen saugen ordentlich Energie
Mit dieser Ausrüstung bist du bestens vorbereitet. Im nächsten Schritt zeige ich dir, wie du Langzeitbelichtungen bei Tageslicht mit ND-Filtern gezielt umsetzt.
Langzeitbelichtung bei Tag – So klappt es mit ND-Filter
Bei Tageslicht ist Langzeitbelichtung eine besondere Herausforderung: Es ist einfach zu hell. Selbst mit ISO 100 und kleiner Blende reicht das oft nicht aus, um die Belichtungszeit in den gewünschten Sekundenbereich zu bringen – das Foto wäre gnadenlos überbelichtet.
Die Lösung: ND-Filter (Neutraldichtefilter)
Ein ND-Filter wirkt wie eine Sonnenbrille für dein Objektiv. Er reduziert die Lichtmenge, die auf den Sensor trifft, sodass du die Belichtungszeit stark verlängern kannst – ohne das Bild zu überbelichten.
Welche ND-Filter brauchst du?
Es gibt feste ND-Filter (mit einer bestimmten Stärke) und variable ND-Filter (stufenlos einstellbar). Für Langzeitbelichtungen bei Tageslicht empfehle ich feste Filter, z. B.:
ND-Filter | Reduktion der Lichtmenge | Anwendung |
---|---|---|
ND64 | 6 Blendenstufen | Fließendes Wasser bei bedecktem Himmel |
ND1000 | 10 Blendenstufen | Langzeitbelichtung am hellen Tag |
ND2000+ | 11+ Blendenstufen | Extrem lange Belichtungen (mehrere Minuten) |
Beispielrechnung – So wirkt ein ND-Filter
Angenommen, du hast eine korrekte Belichtung bei 1/125 Sekunde. Mit einem ND1000-Filter kannst du diese Belichtungszeit auf 8 Sekunden verlängern – perfekt für Wasser- oder Wolkenaufnahmen bei Tag.
Tipp: Es gibt kostenlose ND-Rechner als App, die dir die neue Belichtungszeit nach Filtereinsatz anzeigen. Sehr praktisch!
Langzeitbelichtung bei Tag erfordert also etwas Planung, aber mit einem ND-Filter steht deiner kreativen Freiheit nichts im Weg.
Häufige Fehler vermeiden – Tipps aus der Praxis

Gerade bei den ersten Versuchen mit Langzeitbelichtung passieren schnell kleine Fehler – die sich aber leicht vermeiden lassen. Hier meine wichtigsten Tipps aus eigener Erfahrung:
1. Verwackelte Bilder
Auch minimale Erschütterungen ruinieren eine Langzeitbelichtung.
Lösung:
- Stativ sicher aufstellen (ggf. beschweren)
- Fernauslöser oder Selbstauslöser nutzen
- Bei Wind: Schütze Kamera und Stativ mit deinem Körper
2. Falscher Fokus
Der Autofokus arbeitet bei Dunkelheit oder mit ND-Filter oft unzuverlässig.
Lösung:
- Ohne ND-Filter fokussieren
- Fokus auf manuell stellen und fixieren
- Fokuslupe oder Live-View für präzises Scharfstellen nutzen
3. Überbelichtung trotz ND-Filter
Besonders an sonnigen Tagen kann es trotz Filter zu heller Belichtung kommen.
Lösung:
- Blende weiter schließen (z. B. f/16)
- Stärkeren ND-Filter verwenden (ND2000 statt ND1000)
- Belichtungszeit verkürzen, wenn nötig
4. Staub oder Wasserflecken auf der Linse
Diese werden bei Langzeitbelichtungen oft erst sichtbar.
Lösung:
- Objektiv regelmäßig kontrollieren und reinigen
- Filter nicht mit bloßen Fingern anfassen
Wenn du diese Fehler vermeidest, sparst du dir Frust – und deine Bilder werden deutlich besser. Jetzt fehlt nur noch der Feinschliff: die Nachbearbeitung.
Nachbearbeitung – Mehr aus den Bildern holen
Auch wenn du schon viel aus deiner Langzeitbelichtung herausholst, kannst du mit der richtigen Nachbearbeitung das volle Potenzial ausschöpfen. Keine Sorge – du brauchst dafür kein Profi-Know-how, nur ein bisschen Übung.
1. Im RAW-Format fotografieren
RAW-Dateien speichern mehr Bildinformationen als JPEG. So kannst du Belichtung, Farben und Kontrast im Nachhinein flexibel anpassen – ohne Qualitätsverlust.
2. Licht und Kontrast optimieren
Langzeitbelichtungen wirken oft noch stärker, wenn du die Kontraste etwas anziehst und gezielt Lichter sowie Tiefen anpasst. Programme wie Lightroom, Luminar oder Darktable (kostenlos) sind ideal dafür.
3. Farben und Weißabgleich
Besonders bei Aufnahmen bei Dämmerung oder mit ND-Filter kann der automatische Weißabgleich danebenliegen. Im RAW-Format kannst du den Farbton nachträglich leicht korrigieren – so wirkt dein Bild natürlicher oder sogar bewusst künstlerisch.
4. Rauschen entfernen
Bei sehr langen Belichtungen oder höheren ISO-Werten entsteht Bildrauschen, besonders in dunklen Bereichen. Tools wie Topaz DeNoise AI oder integrierte Rauschminderung in Lightroom helfen, das Bild zu glätten, ohne Details zu verlieren.
5. Feine Details betonen
Ein dezentes Schärfen des fertigen Bildes bringt Strukturen zur Geltung – gerade bei Langzeitbelichtungen von Architektur oder Landschaften ein echter Mehrwert.
Tipp: Bearbeite das Bild immer in kleinen Schritten – so behältst du die Kontrolle und kannst den natürlichen Look bewahren.
Mit ein bisschen Feinschliff in der Nachbearbeitung bringst du deine Langzeitbelichtungen auf das nächste Level – und machst sie zu echten Hinguckern.
Fazit: Langzeitbelichtung als kreatives Werkzeug
Langzeitbelichtungen eröffnen dir ganz neue kreative Möglichkeiten in der Fotografie. Mit längeren Belichtungszeiten kannst du Bewegung sichtbar machen, faszinierende Effekte erzielen und Szenen völlig neu interpretieren. Egal ob weiches Wasser, ziehende Wolken oder Lichtspuren in der Nacht – jedes Bild erzählt eine eigene Geschichte.
Das Schöne daran: Du brauchst keine teure Ausrüstung. Mit etwas Geduld, einem stabilen Stativ und dem richtigen Gespür für Licht und Zeit kannst du beeindruckende Ergebnisse erzielen. Selbst bei Tageslicht steht dir die Technik offen – dank ND-Filtern, die deine Belichtungszeit verlängern.
Wichtig ist vor allem eins: einfach anfangen und experimentieren. Langzeitbelichtung lebt vom Ausprobieren. Mit der Zeit entwickelst du ein Gefühl für die richtigen Einstellungen, Motive und Effekte – und wirst feststellen, wie vielseitig diese Technik ist.
Also schnapp dir deine Kamera, such dir ein spannendes Motiv und lass dich von der Langzeitbelichtung begeistern!